Nordwand

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Routen Details:
Festkogel. Neuer Anstieg von Norden. 1. September 1901.
In dem vielzackigen Grat zwischen Hochthor und Festkogel fällt sofort eine näher dem letztgenannten Gipfel tiefeingeschnittene scharfe Scharte auf, die beiderseits von den plattigen Wänden der sie einschliessenden Thürme begrenzt wird und eine steile, in der Mitte ungangbare Rinne herabsendet, welche nach Ausmündung in einen Schuttkessel hoch über einem kolossalen Wandabsturz endigt. In den oberen Theil dieser Rinne wollten wir von rechtsher über die langen, von Osten nach Westen streichenden weissen Plattenbänder gelangen, die von unten aus einer breiten, knapp neben dem Festkogel-Nordwandcouloir eingegrabenen Rinne er­ reichbar sein mussten. Von Gstatterboden (ab 3 h 3om) über den Peternpfadweg und von dort, wo derselbe endgiltig links hinübergeht (1 Stunde nach Verlassen der Strasse) direkt zu dem das ganze Jahr bleibenden Schnee­ feld am Fusse der Festkogel-Nordwand empor (6h 20m). Links von dem Schneefleck in der blockerfüllten Rinne aufwärts, bald aber wegen der infolge des Sturmes fallenden Steine nach links und über die schrofigen Vorlagerungen auf den Kamm derselben, der uns in die weissen Platten emporführte. Eine schwierige Steilstufe höher oben empfahl uns Seil und Kletterschuhe zu nehmen. Ueber die Bänder nach links steil hinan auf die Kante, welche den Einblick in die plattenflankierte, von der tiefen Scharte herabziehende Rinne gestattet. Da uns ein Aufstieg in der durch einen überhängenden Riss unter­ brochenen Rinne unmöglich schien, kletterten wir auf der Kante und dann rechts von ihr durch einen schönen engen Kamin bis dicht unter die ober uns senkrecht aufstrebende Felsmauer hinauf und traten nach links hinüber in die ungeheuer plattige Wand des die tiefe Gratscharte westlich überhöhenden Thurmes. Eine Seillänge von uns entfernt war das Terrain sichtlich wieder in steile Schrofen aufgelöst, die uns einen verhältnismässig leichteren Ausstieg versprachen, doch die Wand bis zu den Schrofen zeigte sich als fast unpassierbar. Einige wenige Tritte in der glatten, steilen Wand, die an Griffen vorläufig nichts sehen liess, später eine ganz glatte Ausbuchtung, die das Hinüberkommen in die Schrofen ver­barg, dazu eine grauenerregende Exposition bei Ausschluss jeder Seilhilfe: wahrlich eine Stelle, die vollster Überlegung bedurfte, bevor sie angegangen werden konnte. Zimmer führte nach Ablegung des Rucksackes die gefährliche Traverse über den glatten Vorsprung hinüber als Erster aus, sein Rucksack wurde nachgezogen, und dann folgten wir. Von der erwähnten überstiegenen Kante ging es einige Schritte in die Wand hinaus, 1 Meter hoch auf ein Köpfel und nun, noch höher steigend, dicht an die Wand gepresst mit grösster Vorsicht horizontal nach links und schliesslich auf winzigen Unebenheiten horizontal oder einen Schritt absteigend (je nachdem eine Miniaturleiste als Tritt oder als Griff benützt wird) um den Vorsprung herum in eine seichte Felsmulde am Fusse der von hier zur Scharte aufsteigen­ den Schrofen. Diese horizontale Traverse ist 14 Meter lang, eine Versicherung für den Vorankletterer unmöglich und für die Nachfolgenden erst bei den letzten 2—3 Metern, wo der Erste einigermaassen ober ihnen stehen kann, denkbar. Nun in dem steilen, noch schwierigen Geschröfe hinauf in die Kehle der Rinne und rechts von dem aus der Mitte des weit geöffneten Felsthores hereindrohenden Felsthurmpförtner zum Ausstieg auf den Grat (10h). In 17 Minuten giengen wir hinüber zum Festkogel, in weiteren 50 Minuten von dort zurück auf das Hochthor und über den Rossschweif hinab. Die Bergfahrt hat viel Aehnlichkeit mit der der Hochthor-Nordwand, sowohl was die Grossartig­keit des Plattenaufbaues und die Pracht der Felsbilder, als auch die Schwierigkeiten betrifft. Eine derart schwierige und gefährliche Kletterstelle wie die lange Traverse hat die Hochthor-Nordwand aber nicht.
Ing. Franz Kleinhans, Ing. Ed. Pichl, Franz Zimmer, Wien.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1901, Folge 592, Seite 249-250
Datum erste Besteigung:
01.09.1901
Gipfel:
Festkogelturm
Erste(r) Besteiger(in):
Kleinhans Franz
Pichl Eduard
Zimmer Franz