Nordwestkante

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Routen Details:
Erste Begehung am 17. und 18.8.1936
Quelle: Rivista Mensile 1936, Seite 435

Kleine Zinne-Nordkante. 1. Ersteigung am 7. und 8. August, dann 17. und 18. August 1936 durch Emilio Comici, Bergführer, und Piero Mazzorana, Träger aus Misurina. *)
*) Nach dem Manuskript übersetzt von Dr. Karl Prodinger.
Die Kleine Zinne von Lavaredo ist durch ihre gelbe Südkante und ihre Nordkante auffallend gekennzeichnet; denn da sich beide ganz zu äußerst befinden, geben sie diesem Berge seine so überaus kühne und strenge Form. Sie sind wie zwei ungeheure Pfeiler von etwa 350 m Höhe und ragen empor wie die Trümmer eines alten, halb eingestürzten Schlosses. Bon jeder Seite her sieht dieser Berg anders aus, aber seine beiden Kanten streben immer kühn und herausfordernd gegen den Himmel. Die gelbe Südkante, erbarmungslos in ihrer Steilheit, erscheint wie „ein Obelisk von unglaublicher Schlankheit", um dieses Bild von Berti zu gebrauchen. Die Nordkante hingegen ist von unten bis oben überhangend. Sie ist nicht scharf wie die anderen, sondern gekerbt von zahllosen Vorsprüngen. Schon ihr Beginn ist gänzlich ein Überhang, er ist immer ohne Sonne und daher düster. Ihr Fußgestell ist zernagt vom Wetter und einsturzbereit vor Alter.
Hatte man aber einmal die gelbe Südkante erstiegen, so mußte man logischerweise wenigstens den Versuch unternehmen, auch der Nordkante Herr zu werden. Vielmehr lädt die Kleine Zinne geradezu ein, sie über diese Kante zu ersteigen, viel eher als von jeder anderen Seite; denn nur diese Kante verbindet unmittelbar den Grund mit dem Gipfel. Daher ist dieser Weg der schönste und der logischeste, aber auch der schwierigste.
Auf diese Einladung hin wandten die Alpinisten ihren Blick zur Höhe, aber die ungeheuren Vorsprünge am Fuße der Kante und die Fortsetzung ihrer Linie, die überhangend bis zum Gipfel läuft, waren eine Mahnung, diese Einladung abzulehnen.
Die hervorstechendsten Merkmale dieser Kante sind: das erste Drittel, das nur wenig brüchigen gelben Fels aufweist, jedoch stark überhängt, und zwar so sehr, daß der Fels, etwa 100 m über dem Einstieg, am Ausgang der großen Vorsprünge noch ungefähr 10 m über das Einstiegsband greift. Hier bestand die Aufgabe darin, die Kletterei auf der senkrechten Kantenlinie zu halten, indem man immer auf der überhangenden Wand kletterte und so den großen Vorsprung in der Mitte überwand. Dieser erste Teil wurde an den beiden Tagen des 7. und 8. August von Mazzorana, Amberto Pacifico aus Triest und dem Unterzeichneten bewältigt. Er verlangte von den Kletterern 15 Stunden reiner Kletterei und dazu noch eine Beiwacht; obendrein mußte die schwierigste Technik angewendet werden, nämlich eine Kletterei mit doppeltem, ja dreifachem Seil auf Mauerhaken, Steigbügeln und mit Pendeln. Gegen 1 Uhr des 8. August kamen wir, die Kante entlang steigend, über die Vorsprünge hinaus, doch das unvermutete Auftreten eines Unwetters zwang uns, wieder unter die Vorsprünge hinabzusteigen, um uns vor dem Regen und den Steinen in Sicherheit zu bringen. Man mußte die Kletterei für viele Tage aufgeben, weil sich Mazzorana einen Fuß verrenkt hatte.
Da es uns am 17. August zu Ohren kam, eine Seilschaft drohe, uns auf unserem Wege zuvorzukommen, so begaben sich Mazzorana und der Unterzeichnete zum Einstieg und führten die Ersteigung am 18. August zu Ende, nachdem sie oberhalb der großen Vorsprünge eine Beiwacht überstanden hatten. Die reine Kletterei betrug auf diese Weise 25 Stunden. Geklettert wurde immer genau auf der Kante, die bis etwa 50 m vom Gipfel überhangend ist. Die Ausgesetztheit bei dieser Kletterei ist die größte, die man haben kann; der Körper weicht immer von der Lotrechten ab, so sehr, daß jeder Stein, den man loslöste, unmittelbar auf das Schneefeld fiel, ohne die Kante zu berühren. In diesem Teil ist der Fels rötlich und geschlossen; daher mußte man lange Stücke äußerst schwierig in überhangendem Fels klettern, ohne sich sichern zu können, weil man keine Mauerhaken anbringen konnte.
Bericht: Man steigt von Süden her auf die Scharte zwischen der Großen und der Kleinen Zinne, worauf man etwa 40 m auf der anderen Seite hinuntergeht. Anfangs kommt man bei zwei noch aus dem Kriege stammenden Kavernen vorbei (schwierig) und gelangt sodann auf ein Band, dem man etwa 15 m lang folgt. Unter der Lotrechten der Kante beginnt man durch einen überhangenden und brüchigen Kamin anzusteigen, bis man nach 25 m auf eine ebenfalls brüchige Terrasse kommt (sehr schwierig). Man steigt weiter 15 m empor bis zu einer anderen Terrasse (sehr schwierig), hierauf noch 25 m aufwärts bis zu einer dritten Terrasse, immer in sehr brüchigem Gestein (sehr schwierig). Von hier 30 m nach links aufwärts zu einer Verschneidung in gelbem Fels; sehr brüchig (außerordentlich schwierig, drei Mauerhaken) und man gelangt zu einer bequemen, aber brüchigen
Terrasse. Von hier weiter etwa 10 m (außerordentlich schwierig, ein Haken); dann quert man die gelbe Wand, wobei man etwa 15 m nach rechts leicht absteigt (äußerst schwierig, drei Haken). Man kommt zu einer überhangenden Verschneidung und klettert hier etwa 10 m empor (äußerst schwierig, drei Haken). Ist man so unter einen kleinen Vorsprung, ähnlich einer Zimmerdecke, gelangt, so muß man im Überhang etwa 7 m queren, bis man in eine Verschneidung unter dem großen Vorsprung in der Mitte kommt (äußerst schwierig, drei Haken). Man steigt ungefähr 15 m in dieser stark überhangenden Verschneidung empor und gelangt so unter den großen Vorsprung (äußerst schwierig, vier Haken). Man quert sodann unter dem Vorsprung, der wieder einer Zimmerdecke gleichsieht, etwa 7 m nach rechts auf einer überhangenden Wand und gelangt auf einen bequemen kleinen Absatz außerhalb des Vorsprungs, doch auf der Linie der Kante (äußerst schwierig, zwei Haken).
Nun steigt man schwierig nach rechts 10 m empor zu einem anderen kleinen Absatz, dann weiterhin 15 m (sehr schwierig) und kommt auf ein schmales Band, welches die hier neuerdings zimmerdeckenähnlich überhangende Kante umsäumt. Kaum aber hat man die Kante nach Norden hin umgangen, so beginnt man über die überhangende Wand emporzusteigen, erst etwa 10 m (äußerst schwierig, zwei Haken), dann, sich leicht nach rechts wendend, auf die Kante, die immer noch überhängt, und folgt ihr etwa 15 m aufwärts bis zu einem anderen schmalen Band unter einem anderen Vorsprung der Kante (äußerst schwierig, drei Haken). Etwas rechts von der Kante überwindet man diesen Überhang und begibt sich neuerdings zur Kante, die stark überhängt, etwa 15 m (äußerst schwierig, drei Haken). Man kommt sodann auf einen kleinen Absatz unter zwei starken gelben Überhängen. Nun klettert man zuerst etwa 10 m empor bis unter den ersten Vorsprung und überwindet ihn mit einer Wendung nach rechts (äußerst schwierig, zwei Haken). Hierauf geht man neuerlich nach links unter den zweiten Vorsprung; diesen überwindet man nach links, worauf man 10 m höher auf ein anderes kleines Band unter einem anderen Überhang gelangt (äußerst schwierig, drei Haken). Diesen überwindet man, indem man schräg nach rechts gegen die Kante durch ungefähr 10 m ansteigt (äußerst schwierig, drei Haken). Auf der stark überhangenden Kante setzt man den Weg nach links etwa weitere 10 m fort (äußerst schwierig, drei Haken) und man gelangt so auf eine kleine Terrasse. Nun aufwärts über die Kante noch etwa 20 m (außerordentlich schwierig, ein Haken) und man hat eine bequeme kleine Terrasse erreicht. Jetzt wieder 20 m aufwärts (außerordentlich schwierig), dann längs der stark überhangenden Kante zuerst etwa 10 m (äußerst schwierig, zwei Haken), hierauf quert man in die Nordwand hinein und erreicht, schräg nach rechts ansteigend, nach weiteren 15 m die Kante (äußerst schwierig, drei Haken). Im Weiterklettern überwindet man die überhangende Kante (äußerst schwierig, zwei Haken) und erreicht sodann nach 15 m eine Terrasse (außerordentlich schwierig). Nun weiter über die Kante, aber nicht mehr so schwierig wie bisher, und betritt nach etwa 15 m höher eine andere Terrasse (außerordentlich schwierig), hierauf ansteigend nach links, worauf man einen engen, überhangenden Kamin erreicht, und durch diesen nach 20 m auf den Gipfel.
Emilio Comici, Bergführer.
Quelle: Österreichische Alpenzeitung 1937, Folge 1185, Seite 231-233

Erste Solo-Begehung durch H. Fritsch am 21.8.1955 (in 2 Stunden)
Datum erste Besteigung:
18.08.1936
Gipfel:
Zinne Kleine (Cima Piccola di Lavaredo)
Erste(r) Besteiger(in):
Comici Emilio
Mazzarona Piero